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www.birdy-freunde.de/reisen/madagaskar.html - ausgedruckt am 27.07.2017

“Manaho ahoana Birdy“

(Guten Tag Birdy)

Mit dem Faltrad durch Madagaskar

Teil 1

Von Dietmar Böhm

„Da soll ein Fahrrad drin sein?“, fragt beim Einchecken in Frankfurt die nette Dame am Pult, klimpert dabei zweifelnd mit den Augen und übersieht darüber großzügig die 5 Kilo Übergepäck.

Landeanflug, Bergland um Antananarivo

Als mein Flieger – nach 13 Stunden inklusive Zwischenstopp auf Mauritius – auf der Landebahn von Ivato in Madagaskar ausrollt, bekomme ich beim Aussteigen den kühlen, gefühlt sogar frostig kalten Südwinter zu spüren. Die Hauptstadt Antananarivo (kurz: Tana) liegt immerhin 1.300 Meter hoch, somit auch ihr „Aeroport“, wie es hier heisst. So checke ich das Birdy, meinen patenten Falt-Drahtesel, statt auf dem Hof meiner Unterkunft im Hotelzimmer. Ergebnis: erste Etappe schadlos überstanden. Aber Birdy muss wieder zurück in den Packsack: für den Flug nach Antalaha, wo meine Radel-Reise beginnen soll.

Im Zentrum der Hauptstadt Antananarivo (Tananariv, oder kurz Tana genannt)

Nach den kalten Tagen in Tana genieße ich beim Entfalten meines Rades vor dem kleinen Flugplatz von Antalaha die wohlige Wärme dieses Regenwald-Gebiets. Mein Tun nimmt man gelassen: Den Mitreisenden ist es allenfalls ein kurzes Kopfschütteln wert, bevor sie in Buschtaxis entschwinden.

Die 17 Kilometer bis zum „Centre-Ville“ treiben mir erste Schweißperlen auf die Stirn, aber ganz gut zum „Einradeln“, denke ich, während die kleinen Pneus meines Gefährts eifrig über den Asphalt rollen. Toll, endlich wieder „on tour“ zu sein, wenn auch erst mal nur für diese kurze Strecke.

Antalaha präsentiert sich als ruhige kleine Stadt an der nördlichen Ostküste inmitten des madegassischen Vanille-Anbaus. Im Ort die ersten neugierigen Blicke auf den Fremden mit dem seltsamen Rad. „Und wo ist der Motor?“, werde ich von einer dunkelhäutigen Schönheit gefragt, als ich mich bei ihr nach einem Hotel erkundige. Soviel technisches Interesse habe ich von einer Madegassin gar nicht erwartet.

Mit einem lauten „Bonjour Vazha“ werde ich von drei kleinen bunt gekleideten Jungs am empfohlenen Hotel in Empfang genommen. Sie umringen und bedrängen mich, mein bepacktes Birdy schieben zu dürfen. Zu schwer für die Kleinen: Ich flüchte samt Rad zur Rezeption. Draußen vertreibt ein urplötzlicher Wolkenbruch die Kinder und ich ziehe mich schnell in mein ebenerdiges Zimmer zurück. Klar, die Ostküste wird auch während der sogenannten Trockenzeit nicht vor Regenschauern verschont.

Antalaha ist mir einen kurzen Aufenthalt wert: Es macht Spaß, den kleinen Ort mit dem Rad, aber auch zu Fuß zu erkunden. Es hat sich viel verändert, seit ich vor zwölf Jahren hier meine erste Tour durch Madagaskar startete, die ich nun noch mal mit dem Faltrad abfahren will. So treffe ich auch den deutschen Zahnarzt Bernd Zschocke wieder – er kann sich noch genau an mich erinnern.

Inzwischen, so erzählt er, haben schlimme Zyklone Häuser, Straßen und ganze Kokos-Plantagen zerstört. Doch vieles wurde wieder aufgebaut, Straßen wurden neu asphaltiert und die ehemalige Sandpiste nach Sambava – 80 Kilometer nördlich – sei jetzt die beste Straße Madagaskars. Ich werde sehen ...

Dunkle Wolken verheißen nichts Gutes, als ich zwei Tage später noch vor Sonnenaufgang starte. Die kleinen Räder meines Birdy rollen leise surrend über superglatten Asphalt. Der Zahnarzt hat Recht gehabt: nicht die kleinste Unebenheit. Ein kräftiger Rückenwind dazu bringt mein Gefährt immer wieder auf die Spitzengeschwindigkeit von über 35 Stundenkilometer. Nur bei Gedanken an meinen Unfall im letzten Jahr trete ich etwas langsamer in die Pedale.

Vorbei an einer Bilderbuchlandschaft mit riesigen Kokospalmen, Vanille-Plantagen und dichten Regenwäldern bringt mich die flotte Fahrt meinem Ziel entgegen. Ab und zu zeugen unterwegs entwurzelte Bäume von der Macht der jährlichen Stürme. Die Regenwolken heute zeigen sich zum Glück gnädig und so rolle ich – nur vom Schweiß durchnässt – bereits gegen 10 Uhr in Sambava ein. 80 Kilometer in nur vier Stunden – damit habe ich nicht gerechnet! Damals, vor 12 Jahren, quälte ich mich noch (einen ganzen Tag lang!) über eine schmale Sandpiste, in der ich immer wieder stecken blieb.

Das Provinzstädtchen am indischen Ozean lockt mit menschenleeren Stränden, breiten Alleen und einer gewissen Beschaulichkeit.

An der Küste fallen mir viele von Zyklonen zerstörte Häuser und Hotelanlagen auf, aber auch luxuriöse Häuser und Neubauten. Man gibt hier eben nicht auf. Vorwiegend durch den Erlös der Kokos-Plantagen und dem Vanille-Anbau findet man hier die reichste Bevölkerung der Insel. Nur wenige Touristen verirren sich in diese Region – und finden dennoch nur wenig Beachtung. Auch ich ziehe mit meinem Faltrad kaum Blicke auf mich.

Vanilleduft durchströmt immer wieder meine Nase – und auf der Suche nach der „Quelle“ finde mich kurz darauf in einem Verarbeitungsbetrieb wieder, wo ich unter anderem erfahre, dass die Vanille-Pflanze eigentlich eine Orchidee ist.

Am Tag vor meiner Abreise kündigt sich durch erhöhte Betriebsamkeit von Polizei und Militär hoher Besuch an: Der Präsident von Madagaskar persönlich will zu den Bewohnern von Sambava sprechen. Ein nicht alltägliches Ereignis, das aber überraschend die Menschen hier ebenfalls nur wenig berührt. Wie ich später erfahre, ist er in dieser Gegend nicht überaus beliebt. In der Rede am Rathaus verspricht er unter anderem immerhin schnelle Hilfe für diese immer wieder von Zyklonen heimgesuchte Region.

Am nächsten Morgen starte ich noch in der Dunkelheit. 153 Kilometer liegen vor mir. An einem Tag zu schaffen? Mal sehen! Aber leider geht die tolle neue Straße schon am Ortsende in eine Teerstraße mit vielen großen Flicken über. Und am Horizont vor mir sehe ich einige Berge, die ich bezwingen muss.

Ein Regentief, das die letzte Nacht bestimmte, scheint abzuziehen, und mit den Strahlen der Morgensonne trete ich etwas kräftiger in die Pedale. Vielleicht schaffe ich es ja, mache ich mir Mut. Als ich aber in Antsirabe-Ava verschwitzt vom Sattel rutsche, habe ich erst ein Drittel der Strecke hinter mir. Egal: Erst einmal genieße den hier gerade stattfindenden Markttag.

Das bunte Treiben verlangt festgehalten zu werden, was aber kaum ungestört möglich ist, weil man sich hier auch für den „Vaszah“ (Fremden) mit dem „Kinderfahrrad“ interessiert. Zwei Helfer hieven mein Gefährt in ein Hotely Gasy, wie hier die kleinen Restaurants genannt werden. Das war gut so, denn urplötzlich kommt Bewegung in die Menge, die vor einem herabprasselnden Wolkenbruch Schutz sucht. Also Zeit für ein Baguette und frischen Kaffee dazu. Nach nur zehn Minuten war der Spuk war vorbei und ich wieder auf der Landstraße, mit kräftigem Tritt meinem Ziel entgegenschnurrend.

In den Bergen aber läuft mir die Zeit davon: Wieder ein Regenguss, den ich diesmal trotzig durchradle. Völlig durchnässt werde ich in Ampanefena auch noch von einer Polizeikontrolle gestoppt. Mit sehr dienstlichem Gesicht wird mein Pass gecheckt, dann darf ich weiter.

15 Uhr: gerade mal einhundert Kilometer geschafft! Ach was – ich genieße die an mir vorbeigleitende Landschaft. Es ist wie Blättern in einem Bilderbuch.

Dichter Regenwald wechselt mit kahlen Hügeln, Graslandschaften erinnern an Golfplätze, dazwischen wieder endlose Kokospalm-Plantagen und mit Stacheldraht umzäuntes Gelände, wo die begehrte Vanille angebaut wird.

Den nächsten Regenguss nehme ich gelassen wie eine kalte Dusche und vertraue meiner inneren Führung. Es ist 17 Uhr, als ich den kleinen Ort Fambana erreiche – etwa 25 Kilometer vor Vohemar, dem geplanten Tagesziel. Was tun? Um 18 Uhr ist es dunkel! Unschlüssig rolle ich an einem Restaurant mit den verlockenden Hinweis „Chambre“ vorbei, da gibt mein Freund Birdy – durch urplötzlich erschwertes Treten – mit einem deftigen Plattfuß die Antwort.

Der Besitzer des Etablissements, ein Franzose, tröstet mich mit einem Bier, das auf nüchternen Magen schnell seine Wirkung zeigt. Das „Chambre“ entpuppt sich als kleine Holzhütte mit Bett, das schnell frisch bezogen wird, und die Einladung zum Abendessen nehme ich gerne an. Mein Frühstück – eine Thermoskanne und ein in ein Tuch eingewickeltes Baguette – nehme ich gleich mit in mein Quartier. Das Ganze, umgerechnet für fünf Euro, was will man mehr!

Wieder einmal hat ein Riss am Ventil den „Platten“ verursacht. Der Reserveschlauch schafft schnelle Abhilfe und schon geht es in den nächsten Regenschauer hinein. Dazu zehrt eine Hügelkette an meiner Kondition. Noch ahne ich nicht, dass sich mir dahinter ein einzigartiges Landschaftsbild eröffnet.

Fasziniert bleibe ich stehen. Parkähnlich eingebettet präsentiert sich mein Ziel, die kleine Hafenstadt Vohemar am indischen Ozean.

Langsam rolle ich, nach Hotelschildern suchend, die Hauptstraße entlang. Während eines kurzen Halts rauscht ein fast ebenso schwer bepacktes Bike an mir vorbei, dessen Packtaschen nur von einem deutschen Hersteller sein können. Also wieder rauf aufs Radl und hinterher!

Der „Landsmann“ entpuppt sich als drahtiger Franzose, der, auch nicht mehr so ganz jung, aus Afrika kommend nun diese Insel abradeln möchte. Nach kurzem Small-Talk auf englisch verzieht er sich in eine einfache Bungalow-Anlage, während ich diesmal ein neues Hotel in Augenschein nehmen will, das mir unterwegs empfohlen wurde.

So gönne ich mir einen Tag Sonne und Meer in traumhaftem Ambiente – Zimmer nicht gerade billig, aber mit Blick in eine kleine Bucht und auf einen herrlichen Sonnenaufgang am nächsten Morgen.

Die Hotel-Besitzerein, eine Französin, hilft mir bei der Organisation der Weiterreise über unwegsames Gelände mit dem Buschtaxi in Richtung Westen nach Ambilobe. Eine Nachtfahrt, an die ich noch lange denken werde! 170 Kilometer unebener Boden, die der Franzose auf seinem Mountain-Bike in vier Tagen zurücklegte – nein danke! Nichts für die kleinen Räder meines Birdy, wie ich unterwegs durchgeschüttelt feststelle. Die Route ist in der Regenzeit fast unpassierbar – dann muss man bis zu einer Woche einplanen.

Noch in der Dunkelheit, gegen halb fünf Uhr früh, erreicht mein Buschtaxi nach wüster Schaukelfahrt den kleinen Provinzort Ambilobe. Mein Birdy hat, gut befestigt, diesen nächtlichen Trip gut überstanden und ich fühle mich auf dem harten Fahrradsattel gleich wieder erheblich wohler: Er vermittelt mir eine gewisse Vertrautheit.

Das neue Hotel „Noor“ scheint die richtige Adresse zu sein, um mein Schlafdefizit nachzuholen, aber lauter Baulärm treibt mich schnell wieder auf die Pneus, um mich nach einem Frühstücksplatz umzusehen. Aber der ganze Ort lädt nicht zu längerem Verweilen: laut, hektisch, eine einzige Buschtaxi-Station.

Mich zieht es 30 Kilometer nach Norden, wo ein herrlicher Naturpark auf mich wartet. So trete ich schon am nächsten Tag wieder in die Pedale, eine steile Passtrasse hinauf zum Ankarana Tsingy Reservat. Touristisch noch wenig erschlossen ist dieses reizvolle Naturschutzgebiet ein Muss für jeden Individual-Reisenden. Ein einzigartiges Naturphänomen, das aus meterhohen, rasierklingenscharfen erodierenden Kalksteinspitzen und einem weitverzweigten Höhlensystem besteht.

Der fast zahnlose Mund meines Guides lacht mich an, als wir uns auf unsere Räder schwingen, um auf schmalen Wegen auf Erkundung zu gehen. Das gute Englisch hat er in Diego während seiner Ausbildung zum Fremdenführer gelernt. Ich kann ihm auf den wurzelübersäten Pfaden kaum folgen. Doch gottlob legt er immer wieder kurze Stopps ein.

Ein Finger auf dem Mund, zeigt er mit einem anderen beispielsweise auf einen Nachtlemur, der, wachgeworden, neugierig zu uns herunterschaut.

Aber auch noch andere Tiere und Pflanzen gibt es zu entdecken. Bizarr anmutende Chamäleons quälen sich unschlüssig über schmale Äste, Flachkopf-Geckos warten, fast unsichtbar an Baumrinden geklammert, auf ihre Beute, und beinahe stolpere ich über eine Boa, die sich gemächlich in das Unterholz verzieht. Besorgnis ist aber überflüssig: Außer Moskitos gibt es hier keine gefährlichen Tiere.

Plötzlicher Halt mitten im Trockenwald. Der Weg ist mit scharfkantigen Steinen übersät. Unsere Drahtesel verschwinden im dichten Buschwerk, denn über eine steile Steintreppe geht es in die Tiefe, wo uns dunkel ein Höhleneingang entgegengähnt. Hier sollen die größten Fledermäuse weltweit ihr Zuhause haben. Die an der Höhlendecke hängenden Vampire sind tatsächlich beeindruckend – und sogar ihre Hinterlassenschaften auf dem Höhlenboden sind beachtenswert.

Mitten in der kühlen Dunkelheit heißt es: Schuhe ausziehen! Ab hier ist „fady“ (heilig) angesagt. Mein Führer zeigt auf zwei Skelette in grabförmiger Umrandung. Daneben liegen Münzen und auch Geldscheine. Angeblich der Bestattungsort eines Königs des Volkes der Antankarana.

Zurück im hellen Tageslicht, geht es vorbei an tiefen Schluchten und durch Trockenwälder, bis ein grünlich schimmernder kleiner See in 30 Metern Tiefe mich fast schwindelig macht.

Dann die Attraktion: die „Tsingys“. Weiße Punkte markieren den Weg über die vielen Nadelspitzen aus hartem grauem Kalkstein, messerscharf und bedrohlich schön. Nur nicht daneben treten, sonst könnte meine Reise zu Ende sein! Erstaunlich leichtfüßig dagegen ein Rudel Lemuren, die in der Hoffnung, von uns Essbares zu ergattern, fast schwerelos dieses Massiv überqueren.

Überwältigt von der erlebten Vielfalt stört mich nicht einmal der Plattfuß, den ich mir kurz vor dem Parkausgang mit einem Dorn einhandle. Die wenigen Touristen und die nette Atmosphäre beim Candlelight-Dinner auf der kleinen Terrasse des angegliederten Minirestaurants machen mir es zusätzlich schwer, mich von dieser Idylle zu trennen.

Die Abfahrt aus dem Ankarna-Bergmassiv beschert mir noch einmal den faszinierenden Blick über die Ebene vor Ambilobe, wo sich wegen eines weiteren „Platten“ der Hotelmanager vom Hotel „Noor“ über meinen zweiten Besuch freuen darf. Dafür schafft mein Birdy am nächsten Tag die 108 Kilometer bis Ambanja trotz leichtem Gegenwind in Rekordzeit.

Wieder ein Städtchen zum Bleiben. Die romantisch am Ortsrand gelegene Unterkunft „Hotel Palma Nova“ bestärkt meinen Entschluss. Schnell offenbart sich mir ein anderer Menschenschlag als die Bewohner der Ostküste: Neugierige Blicke, freundliches Lachen, lustiges Handeln auf dem quirligen Markt. Und mit meinem Faltrad falle ich so richtig auf. Dabei staune ich selbst mehr über die vielen Radfahrer, die entweder auf alten chinesischen Vehikeln oder topmodern anmutenden Mountainbikes den Straßenverkehr beleben.

Beim Frühstück treffe ich einen jungen Deutschen, der sich als Mitarbeiter bei der staatlichen Entwicklungshilfe-Organisation GEZ entpuppt. Er kümmert sich um Umweltprojekte auf Madagaskar, speziell um den Erhalt der Mangrovenwälder in dieser Region. Eigenes Büro, Geländewagen – nicht schlecht!

Schlecht dagegen das Wetter am Morgen meiner Weiterreise: Es gießt in Strömen, dazu behindern einige Bergpässe eine flotte Fahrt. Einziger Lichtblick: Die Straße – vor Jahren noch eine Schotterpiste – ist neu asphaltiert. Etwas abgekämpft rolle ich gegen Abend in den kleinen Ort Moromandia ein, ein kühles Bier gibt mir neue Energie, die nette Bedienung bringt mich in eine einfache Hütte, wo ich mich erst mal auf das Bett fallen lasse.

Nach erfrischender „Fassdusche“ fällt mir eine europäisch anmutende Frau auf, die aus einem anderen Raum der Unterkunft kommt und mir zugrüßt. Eine Französin, die mit Kind und Mann ihre Schwester besucht, die hier mit ihrem madegassischen Mann auf einer einsamen Ranch lebt. Etwas später finde ich mich daher beim Abendessen in einem bunten Kreis liebenswürdiger und gastfreundlicher Menschen wieder, die natürlich begeistert über meine Reise mit dem Rad durch Madagaskar sind. Als „Zubrot“ bekomme ich noch wertvolle Information für meine Weiterreise.

Angekommen in der „Wildweststadt“ Antsohihy, entschließe ich mich, dieser Ratschläge eingedenk, deshalb für die Weiterfahrt in einem Buschtaxi. Die Straße ist ab hier noch „under construction“, was sich kurz darauf bestätigt, als sich der alte Peugeot-Pritschenwagen durch kilometerlange Sandpisten quälen muss.

Es ist bereits stockdunkel, als ich in Ambondromamy, an der Abzweigung zu meinem endgültigen Ziel „Mahajanga“ gelegen, mein Birdy vom Dach des Taxis entgegennehme. Eine passable Unterkunft ist schnell gefunden, und während ich mit einigen kleinen Fleischspießchen aus einer Garküche an der Straße meinen Hunger stille, freue ich mich darauf, morgen wieder auf meinen zweirädrigen Freund unterwegs sein zu können.

Das Reservat von Ampijoroa, vor 10 Jahren noch ein Geheimtipp, entpuppt sich als vielbesuchtes Parkgelände mit einem großen Restaurant, überdachtem Zeltplatz, sanitären Anlagen und einigen teuren Bungalows. Inzwischen hat die Naturparkorganisation ANGAP das Gelände übernommen. Auf einem kleinen privaten Zeltplatz treffe ich Andrea, eine Biologin aus Deutschland, die in dem Park Mausmakis und andere Lemuren erforscht.

Das ist aber auch schon alles, was von der ehemaligen Forschungsstation übriggeblieben ist. Eine Exkursion mit einem der vielen auf Kundschaft wartenden Guides erweist sich als Flop, lediglich der naheliegende Krokodilsee mit zwei Hochständen erscheint lohnend, doch länger als zwei Tage zu bleiben. Dabei kommt erstmals mein kleines Zelt zum Einsatz – übrigens noch das gleiche wie vor 10 Jahren.

Eindruckvolle Warnschilder sollen Menschen vom Wasser des Sees fernhalten. Trotzdem sehe ich unweit der am Ufer dösenden Reptilien recht mutige Angler, aber auch todesmutige Touristen. Von meinem sicheren Hochstand aus eröffnet sich mir die Naturvielfalt Madagaskars wie eine große Blüte.

Unentwegt klickt meine Kamera für Schmetterlinge, Geckos und bunte Vögeln. Sogar ein Fischadler setzt sich in Position, ganz zu schweigen natürlich von den Krokodilen, die unmittelbar vor mir zu Statuen erstarren, aber bei Hunger blitzschnell zuschlagen können. Am Abend macht mich traditionelle Musik neugierig: Ich erlebe eine Tanzgruppe, die, aus dem nächsten Dorf stammend, den Restaurantgästen etwas volkstümliche Kultur nahe bringt.

Das Ziel des ersten Teils meiner Reise, die Hafenstadt Mahajange, rückt in unittelbare Nähe. Nach wenigen Kilometern endet plötzlich das Naturparkgelände und geht in eine steppenartige Ebene über. Das Grün des Bodens wandelt sich in braun und sandfarben, nur aus einigen Niederungen lässt sich die saftige Natur nicht verdrängen. Laut heulen bei einem kräftigen Rückenwind die kleinen Pneus meines Faltrades über den groben Asphalt und die Kilometer schrumpfen. Das bedrohlich wirkende Bergmassiv in der Ferne kann meinen Elan nicht stoppen. Erst erst bei einer langgezogenen Steigung rutsche ich vom Sattel, schiebe ein Stück und bleibe sogar stehen, als mir Kinder auf einem Hügel zuwinken und ihr „Bonjour Vaszah“ zurufen.

Aber auch die immer wieder faszinierenden Ausblicke, die an amerikanische Western-Filme erinnern, bringen mich zum Stoppen. Die gut ausgebaute Straße schlängelt sich an schroffen Tafelbergen vorbei; man blickt in tiefe ausgetrocknete Flusstäler und – besonders eindrucksvoll – die grüne Ebene des weitverzweigten Flusses Mahavavy in der Ferne. Nur gelegentlich ein Geländewagen oder ein Buschtaxi, dann wieder unwirkliche Stille.

Im Getümmel des Stadtzentrums von Mahajanga angekommen, zeigt mein Tacho stolze 120 Tageskilometer. Dafür schmerzt zum ersten Mal mein Sitzfleisch und die hier herrschende Hitze lässt mir den Schweiß aus allen Poren brechen.

Das von mir angesteuerte „MAD“-Hotel entpuppt sich als „Non Tourist“-Unterkunft, was mir nicht unangenehm ist, aber diese zweitgrößte Hafenstadt der Insel scheint nicht sehr vom Fremdenverkehr frequentiert zu werden. Die „Vaszahs“, die ich sehe, sind meist hier angesiedelte Franzosen oder Italiener. Deshalb auch die moderne Bank und der Supermarkt mit europäischen Produkten.

Der geringe Straßenverkehr macht es leicht, Stadt und Umgebung per Rad zu erkunden. Besonders eindrucksvoll ist die Strandpromenade mit dem dicksten Baobab Madagaskars: Das Alter dieses 8 Meter dicken Baumes wird bis auf 5.000 Jahre geschätzt. Ich bummle durch die Gassen der Altstadt mit seinen meist verfallenen Kolonialbauten, radle ziellos durch das Umland und über den feinen festen Sand am Meer.

Am letzten Abend macht noch eine Sensation auf sich aufmerksam: Die Eröffnung der „Olympischen Inselspiele“ in der Hauptstadt Tananarivo. Die Übertragung auf Großbildleinwand vor dem City-Hotel lockt wahre Menschenmassen an. Ich nehme das Ereignis, das der Eröffnungsfeier der echten olympischen Spiele absolut ebenbürtig ist, in einem italienischen Lokal bei einer Pizza in mich auf. Für mich ein schöner Abschluss – so, als ob ich für das Gelingen meiner Madagaskar-Tour per Faltrad gefeiert würde.

Am nächsten Tag blicke ich vom Flugzeug aus auf das letzte Stück meiner insgesamt 450 Kilometer langen geradelten Strecke hinab und erkenne einmal mehr, wie unvergleichlich diese Insel vor der Ostküste Afrikas ist.

 

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© 2008 - letzte Aktualisierung: 25.03.2008
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